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Geschichten, so bunt wie das Leben

Wenn das Leben sich dem Ende zuneigt, bestimmen oft Diagnosen, Entscheidungen und organisatorische Fragen den Alltag. Doch was bleibt vom eigenen Ich, jenseits von Krankheit und Pflege? Die würdezentrierte Therapie setzt genau hier an: Sie eröffnet schwer erkrankten Menschen einen Raum, um auf ihr Leben zu blicken, Werte sichtbar zu machen und sich selbst als wirksam und würdevoll zu erleben.

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Seit einigen Jahren begleitet Inke Böttcher in ihrer Arbeit Familien, in denen ein Elternteil lebensverkürzt erkrankt ist. Solange Therapiemöglichkeiten geboten werden und die Hoffnung durch die verbleibende Zeit trägt, können Familien diese Zeit häufig nutzen, um sich gegenseitig und miteinander Schönes/Gutes zu tun.

Beginnt die palliative Phase, werden viele Entscheidungen von der erkrankten Person gefordert: „Gibt es eine Patientenverfügung und was steht drin?“, „Welche Therapien werden mir noch geboten und welche will ich überhaupt wahrnehmen?“, „Welcher Pflegedienst ist der Richtige?“, „Möchte ich Zuhause oder doch im Hospiz sterben?“, … In dieser Phase kann es schwer für den sterbenden Menschen sein, sich als Individuum zu erleben, das eigene „Ich“ zu sehen und sich selbstwirksam zu fühlen.

Es bleibt sehr wenig Raum, sich die Fragen zu stellen: „Wer bin ich (gewesen), als ich noch nicht sterbend war?“ „Was sind meine Werte und was sollten meine Angehörigen von mir wissen?“

Die würdezentrierte Therapie (kurz WZT), die Inke Böttcher seit einiger Zeit Menschen in dieser Phase anbietet, möchte mit ihrem Ansatz aus dem oft schambesetzten, demütigenden und hilfebedürftigen Zustand „palliativer Patient“ zu sein, den Menschen in seiner Würde stärken. Durch das eigene Würdeempfinden können wieder Autonomie und Individualität erlebt werden. Mit dem Fokus auf das Gelungene und auf die eigenen Werte im Leben gelingt häufig ein wertschätzender Rückblick. Dieser würdevolle Blick auf das eigene Leben kann es zulassen, Selbstwirksamkeit zu empfinden und die verbleibende Zeit gestärkter zu erleben und (mit-) zu gestalten.

Ziele der würdezentrierten Therapie:

  • Steigerung der Zufriedenheit
  • Steigerung des eigenen Würdegefühls
  • Gefühl für Sinnhaftigkeit
  • Stärken des Lebenswillens
  • Steigerung von eigener Bedeutung
  • Steigerung des Familienwürdegefühls
  • Innere Ruhe spendend
  • Trost für Patient*in und Angehörige

Die würdezentrierte Therapie im Überblick

Die würdezentrierte Therapie ist eine Intervention in drei Schritten, die die Würde des Menschen stärken kann.

Schritt eins - Interview

Im Vorfeld wird die würdezentrierte Therapie der zu interviewenden Person vorgestellt. Damit die zu interviewende Person sich bereits vor dem Gesprächstermin Gedanken machen und sich sicher sein kann, dass keine unerwarteten Fragen gestellt werden, werden diese vorher im Kurzen besprochen. In der Regel sind zwischen 45 und 60 Minuten für das Interview angedacht. Die Dauer kann aber je nach Vitalitätszustand angepasst werden. Weiterhin wird geklärt, ob das Interview für jemand Bestimmtes hinterlassen werden soll. Das Gespräch wird mit einem Diktiergerät aufgenommen.

Der Fokus liegt darauf, über Gelungenes und positive Erlebnisse zu berichten. Erzählt wird, was berührt hat im eigenen Leben. Diese Geschichten sind so bunt und individuell wie jedes Leben. Einige erzählen von ihrer Kindheit, andere von den eigenen Kindern, von beruflichen oder sportlichen Erfolgen oder von Fähigkeiten oder Beziehungen und Lernprozessen. Es wird in den Fokus genommen, was nun gerade präsent ist und betrachtet werden will, ohne den Anspruch einer komplexen Biographiearbeit. Es ist ganz offen, von welchen Ereignissen berichtet wird. Eine Eingangsfrage könnte lauten: „Wann haben Sie sich in Ihrem Leben richtig lebendig gefühlt?“ Gemeinsam beginnt das Forschen der eigenen Anteile an dem Erlebten, welche Handlungen dazu beigetragen haben und welche Werte sich dadurch herauskristallisiert haben.

Weitere Fragen könnten sein
·        Gibt es Dinge, die Ihre Familie von Ihnen in Erinnerung behalten soll?
·        Gibt es Worte, Rat oder Erkenntnisse, die Sie an andere weitergeben möchten?
·        Gibt es etwas, von dem Sie merken, dass es gegenüber ihren Liebsten noch ausgesprochen werden will?

Wichtig ist es, das Interview dahingehend zu führen, dass es sich auf die Lebenserkenntnisse und das Handeln der interviewten Person bezieht und die würdezentrierte Therapie nicht dahin genutzt wird, offene Abrechnungen zu führen und die Angehörigen mit Forderungen zu belasten.

Schon während des Interviews war zu erleben, wie das Schauen auf das eigene ICH eine Veränderung in der Haltung bewirkt. Die Stimme verändert sich, die Augen strahlen und es kommt zu Lächel-, oft sogar Lachmomenten. Viele Momente bekommen ein hohes Gewicht durch bedeutsames/achtungsvolles Schweigen.

Anschließend wird das Aufgenommene verschriftlicht. Die Inhalte und Wortlaute spiegeln die Identität des Interviewten wider.

Schritt zwei - Vorlesen des Interviews

Ist das Interview verschriftlicht, wird es der interviewten Person vorgelesen und nach Ergänzungen oder Korrekturen geschaut. Dieses Lesen wird meistens als tief berührend erlebt. Das Gefühl zu einem verbundenen „Ja!“ zum eigenen Leben entsteht.

Schritt drei - Übergeben des Schriftstückes

Das finale Dokument kann mit aussagekräftigen Bilder ergänzt werden und wird anschließend in Druckform übergeben. Nicht selten möchten Menschen dieses Zeugnis ihres Lebens jemandem hinterlassen. Immer wieder wird es auch während der letzten Lebensphase mit Liebsten, Angehörigen und Pflegenden geteilt und dient als Grundlage für Gespräche.

 

Weitere Informationen zum Thema:
Deutsche Gesellschaft für Patientenwürde e. V., Wallstraße 11, 55122 Mainz, www.patientenwuerde.de

Über die Autorin: Inke Böttcher arbeitet seit 2017 als Koordinatorin für das „projekt KLEE®“ bei der hospiz-initiativ-kiel e. v.. Seit 3 Jahren bietet sie betroffenen Familien neben der systemischen Beratung auch die WZT an. Für sie ist es wichtig, ehrlich zu kommunizieren und das gesamte System im Blick zu behalten, um Abschiede würdevoll und gelingend zu begleiten.

 

Dieser Text stammt aus unserem Magazin "Abschied nehmen" (Ausgabe 5/2024)


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